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PDF-Download DNV Jahrbuch 2016/17
Zur Notwendigkeit einer psychosozialen Notfallversorgung bei und nach traumatischen Ereignissen an Bord

Die Notwendigkeit einer organisierten psychosozialen Notfallversorgung (abgekürzt: PSNV) als Unterstützungen von Menschen¹ in Krisensituationen ist unbestritten.

An Land sind für die Bewältigung kritischer Lebensereignisse und der damit einhergehenden psychosozialen Belastungen bewährte Netzwerke vorhanden: z. B. das Netzwerk PSNV oder das Rote Kreuz, die sich für die flächendeckend koordinierte und bedarfsorientierte PSNV von Menschen nach extremen Krisensituationen einsetzen.

Bei maritimen Notfällen in deutschen Hoheitsgewässern, in denen das Havariekommando die Einsatzleitung übernimmt, hält dieses eine PSNV in Zusammenarbeit mit der Deutschen Seemannsmission und der Militärseelsorge vor.

Doch bei schweren Unfällen auf See und nach Extremsituationen, wie Piraterie oder andere Gewaltverbrechen auf Schiffen deutscher Reeder, die in der weltweiten Fahrt außerhalb deutscher Gewässer stattfinden, existieren keine verbindlichen Richtlinien und flankierende Strukturen bezüglich PSNV, obwohl bereits die IMO die Bedeutung dieses Handlungsbedarfs gerade im Hinblick auf die Vorkommnisse im Golf von Aden und im Indischen Ozean unterstrichen hat.

Bedarf

Aus Sicht des Deutschen Nautischen Vereins (DNV) besteht dringender Bedarf, Opfern von traumatischen Ereignissen an Bord nach belastenden Notfällen zeitnah eine psychosoziale Versorgung zu ermöglichen. Dabei sollte es sich um ein pragmatisches Hilfeangebot in deutscher und englischer Sprache handeln, das Seeleute nach traumatischen Ereignissen unterstützt, die erlebten Erfahrungen zu verarbeiten, sowie psychische Folgen und damit verbundene, mögliche lebenslange, gesundheitliche Beeinträchtigungen zu minimieren.

Über eine direkte Seelsorge im nächsten Hafen hinausgehend sollte strukturiert eine psychosoziale Notfallversorgung entlang der Norddeutschen Küste angeboten werden, die mögliche (Spät-)Folgen, insbesondere im Hinblick auf eine Berufsuntauglichkeit, reduziert.

Der DNV empfiehlt:

  • Einbindung eines maritimen Netzwerkes in eine vorhandene landgestützte PSNV - Struktur zur Sicherstellung adäquater Unterstützung und niedrig-schwelliger Hilfe für Seeleute aller Nationen zur Erfahrungsverarbeitung nach Extremsituationen unter Einbindung der Deutschen Seemannsmission und Beteiligung u.a. des Havariekommandos und der Bundespolizei.
  • Erarbeitung eines Leitfadens in Deutsch und Englisch, in dem Hilfsangebote für Seeleute nach traumatischen Ereignissen zusammengestellt werden, durch die Seemannsmission, Arbeits- und Notfallmediziner (Forum Leitende Notärzte Schleswig-Holstein und Niedersachsen), unterstützt von Psychologen, die gemäß der Empfehlung der Vereinten Nationen nach den ICISF - Standards² arbeiten, unter Beteiligung von Vertretern des Bundes, der Reeder, der Sozialpartner.
  • Aktive Aufklärungs- und Schulungsarbeit, um dieses Thema vom Nimbus des Tabus zu befreien;
  • Einbeziehung des Verbandes Deutscher Reeder und Vertreter deutscher Reedereien in die (maritime) Netzwerksbildung PSNV, um die Akzeptanz für eine bedarfsorientierte, psychosoziale Beratung nach traumatischen Ereignissen auf ihren Schiffen sicherzustellen, insbesondere vor dem Hintergrund des neuen Seearbeitsgesetzes.

¹) Betroffenen, Angehörigen, Hinterbliebenen sowie Einsatzkräften
²) International Critical Incident Stress Foundation